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02.09.2026, Schule

Wurzeln geben Flügel. Woraus wächst, was später tragen soll?

Carl Bossard

Schulen sollen Kinder auf eine Zukunft vorbereiten, die niemand kennt. Deshalb sprechen wir über Kompetenzen, Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Dabei gerät oft eine einfachere Frage aus dem Blick: Woraus wächst, was junge Menschen später tragen soll? Die Suche nach einer Antwort beginnt deshalb nicht bei Reformen oder Methoden, sondern beim Menschen. Von Carl Bossard*

Nicht bei den Methoden beginnt Bildung

Jede Generation steht vor derselben Aufgabe: Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, die sie selbst noch nicht kennt. Die Herausforderungen verändern sich. Was bleibt, ist die Frage nach dem Menschen. Bildung beginnt deshalb mit einer älteren Frage als jede Bildungsreform: Was braucht ein Mensch, damit er werden kann, was in ihm angelegt ist? Damit er lernt, selbstständig zu denken, Verantwortung zu übernehmen und seinen eigenen Weg zu finden.

Unsere Zeit stellt diese Frage unter neuen Vorzeichen. Schule und Bildung verändern sich tiefgreifend. Neue Technologien und pädagogische Konzepte eröffnen Möglichkeiten, die frühere Generationen nicht kannten. Problematisch wird es dort, wo Mittel den Platz der Ziele einnehmen.

Bildung beginnt nicht mit einer Methode. Sie beginnt mit einem Menschen. 

Deshalb richtet sich die eigentliche Bildungsfrage nicht zuerst auf Lernformen oder Werkzeuge, sondern auf die Voraussetzungen, aus denen Selbstständigkeit, Urteilskraft und Verantwortung wachsen.
 

Der erste Schritt

Vor vielen Jahren stand ein Bub vor dem Schulhaus Neustadt in Zug. Neben ihm seine Mutter. Der Schulsack hing etwas zu tief auf den schmalen Schultern. 

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Foto: Privatbesitz Carl Bossard

Vor ihm führte eine breite Steintreppe hinauf zum Schuleingang. Damals ahnte er nicht, dass ihm dieses Bild viele Jahrzehnte später wieder begegnen würde. Nicht als Erinnerung an den ersten Schultag. Sondern als Bild für eine Einsicht, die sich erst im Rückblick erschloss.

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Mitte August, viele Jahrzehnte später, standen wieder Tausende Kinder vor einem Schulhaus. Auch sie begannen einen Weg, dessen Ziel niemand kannte. Das mussten sie auch nicht. Viel wichtiger war eine andere Frage: Was brauchen Kinder, damit sie morgen ihren eigenen Weg finden?

Ziele brauchen Voraussetzungen

Wir sprechen heute viel über Kompetenzen und Zukunftsfragen. Über Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder neue Lernformen. Das alles ist wichtig. Erstaunlich selten fragen wir aber nach den Voraussetzungen, aus denen diese Ziele wachsen. Nicht: Was sollen Kinder einmal können? Sondern: Woraus wächst, was wir später mit Recht von ihnen erwarten dürfen?

Wir wünschen uns junge Menschen, die Verantwortung übernehmen, kritisch denken und ihren eigenen Weg finden. Das sind berechtigte Ziele. Doch Ziele sind noch keine Voraussetzungen. Wir machen aus Ergebnissen Voraussetzungen: 

Wir erwarten Selbstständigkeit, bevor sie wachsen konnte. 
Wir verlangen Urteilskraft, bevor Denken eingeübt wurde. 
Und wir fordern Beweglichkeit, bevor Kinder jenen Halt gefunden haben, der sie überhaupt erst beweglich macht. 

Ohne Halt trägt Freiheit nicht.
 

Freiheit wächst aus Halt

Kurz vor den Sommerferien sass ich in einer Unterrichtsstunde. Ein Schüler arbeitete selbstständig an einer anspruchsvollen Aufgabe. Er begann, stockte und wusste nicht weiter. Die Lehrerin trat zu ihm. Sie stellte zwei Fragen, gab einen kleinen Hinweis und ging wieder. Wenige Minuten später arbeitete der Junge konzentriert weiter. Nicht weil die Aufgabe einfacher geworden wäre. Sondern weil jemand ihm genau jene Unterstützung gegeben hatte, die ihm den nächsten Schritt ermöglichte.

Selbstständigkeit entsteht selten allein. Freiheit ist kein Anfang, sondern ein Ergebnis. Wer festen Boden unter den Füssen spürt, wagt den nächsten Schritt.

Bildung beginnt nicht mit dem Loslassen. Sie beginnt mit Bindung, mit Beziehung. Sie beginnt mit dem Gegenüber.

Kinder lernen das Gehen nicht, indem man sie sich selbst überlässt. Sie lernen es an einer Hand, die sie hält – und im richtigen Augenblick wieder loslässt. Mit Bildung verhält es sich nicht anders. Gute Lehrpersonen führen, ohne einzuengen. Sie helfen, ohne den Weg vorzugeben. Vor allem trauen sie jungen Menschen den nächsten Schritt zu.
 

Bildung lebt vom Gleichgewicht

Vielleicht zeigt sich darin etwas Grundsätzliches. Bildung kennt selten richtig oder falsch. Viel häufiger bewegt sie sich zwischen Polen, die beide unverzichtbar sind. Jeder Mensch lebt von Spannungen: zwischen Freiheit und Führung, zwischen Eigenständigkeit und Gemeinschaft, zwischen Offenheit für Neues und der Treue zu dem, was trägt. Wer eine dieser Seiten absolut setzt, verliert das Gleichgewicht. Nicht weil das Ziel falsch wäre. Sondern weil der Mensch grösser ist als jede einfache Antwort.

Das gilt auch für die Schule. Sie soll Kindern Freiheit eröffnen und ihnen den Halt geben, den Freiheit braucht. Sie soll Individualität fördern und zugleich Gemeinschaft erfahren lassen. Und sie soll digitale Möglichkeiten nutzen, ohne die Begegnung mit der Wirklichkeit zu ersetzen. Bildung entsteht dort, wo solche Gegensätze nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ein fruchtbares Gleichgewicht gebracht werden.
 

Denken bleibt menschlich

Gerade im Blick auf die künstliche Intelligenz zeigt sich, wie anspruchsvoll dieses Gleichgewicht geworden ist. Sie entbindet uns jedoch nicht von der Aufgabe, selbst zu denken, zu unterscheiden und zu urteilen. Künstliche Intelligenz verändert den Bildungsauftrag nicht – sie macht ihn anspruchsvoller. Maschinen liefern Antworten. Menschen müssen lernen, sie zu beurteilen. Das eigene Denken können Maschinen nicht ersetzen. Gefährlich wird es erst, wenn wir selbst die Übung des Denkens aufgeben.

Deshalb führt auch der Gegensatz zwischen analog und digital in die Irre. Digitale Werkzeuge eröffnen neue Möglichkeiten. Sie ersetzen jedoch weder das vertiefte Lesen noch das geduldige Ringen um Sprache oder den gemeinsamen Austausch im Klassenzimmer. Die eigentliche Alternative verläuft nicht zwischen digital und analog. Sie verläuft zwischen oberflächlicher Information und vertieftem Denken.
 

Der nächste Schritt

Schule bereitet Kinder nicht zuerst auf eine bestimmte Zukunft vor. Sie schafft den Halt, aus dem Selbstständigkeit, Urteilskraft und Verantwortung wachsen. Alles Weitere baut darauf auf.

Als wieder Tausende Kinder vor einem Schulhaus standen, wusste niemand, wohin ihr Weg sie einmal führen würde. Das mussten sie auch nicht wissen. Es genügte, dass sie den ersten Schritt wagten.

Vielleicht ist das die schönste Aufgabe der Schule: Kindern zu helfen, die erste Stufe zu betreten. Denn fast immer beginnt ein langer Weg damit, dass ein anderer Mensch sagt: «Ich traue dir den nächsten Schritt zu.»

Jemand ist da. Und gerade deshalb kann ich meinen eigenen Weg gehen.

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*Dr. phil., ist Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug. Zuvor war er Rektor der Kantonalen Mittelschule Nidwalden und Direktor der Kantonsschule Luzern. Als Lehrbeauftragter war er an der PH Heidelberg tätig. Auch heute ist er in der Lehrerbildung engagiert. Über all diese Stationen hinweg blieb er stets Lehrer.