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28.10.2026, Schwerpunkt

Eine fröhliche Schule – fünf Perspektiven aus Sicht eines Rektors

Prof. Dr. Sebastian Lamm

In seinem Beitrag beleuchtet Sebastian Lamm* fünf Perspektiven einer fröhlichen Schule. Er zeigt auf, wie eine Schulkultur geschaffen werden kann, in der junge Menschen mit Freude, Zuversicht und Vertrauen ihren eigenen Weg finden.

«Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen» – dieses Lebensmotto von Don Bosco wirkt auf den ersten Blick beinahe leichtfüssig. Und doch steckt darin ein anspruchsvolles pädagogisches Programm: Menschen sollen in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden, Gemeinschaft erfahren, Orientierung finden und ermutigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen. Gerade für junge Menschen war Don Bosco damit nicht nur Seelsorger, sondern auch Pädagoge und Vorbild.

Die Frage nach einer «fröhlichen Schule» ist deshalb weit mehr als die Frage, ob Schülerinnen und Schüler gerne zur Schule kommen. Sie berührt die Haltung, mit der eine Schule Menschen begegnet, und die Atmosphäre, die sie gemeinsam schafft. 

Der Alltag an der Stiftsschule Einsiedeln orientiert sich an den folgenden fünf Elementen. 

1. Wertorientierung – Wir lehren seit tausend Jahren

Eine fröhliche Schule braucht Orientierung. Bildung erschöpft sich nicht in Wissen und Kompetenzen, sondern stellt immer auch die Frage: Was ist uns wichtig? Wofür stehen wir? Welche Werte wollen wir jungen Menschen mitgeben?

Die Stiftsschule Einsiedeln ist von der benediktinischen Tradition geprägt. Aus ihr heraus vermitteln und leben wir christliche Grundhaltungen, die bis heute Orientierung geben.

Vielleicht kommen einem beim Thema «fröhliche Schule» zunächst Geschichten von besonderen Momenten in den Sinn: ein gemeinsames Lachen, ein gelungener Anlass, ein Klassenzimmer, in dem eine angespannte Situation plötzlich eine gute Wendung nimmt. Doch Fröhlichkeit entsteht nicht zufällig. Sie braucht Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit und das Gefühl, als Individuum gesehen zu werden.

 

2. Persönlichkeitsbildung – Wir stärken den Menschen

Eine fröhliche Schule nimmt den ganzen Menschen in den Blick. Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur gute Leistungen erbringen, sondern Selbstvertrauen entwickeln, ihre Stärken entdecken und lernen, mit Schwierigkeiten umzugehen.

Woran merkt man, dass Schülerinnen und Schüler fröhlich sind? Vielleicht daran, dass sie lachen und miteinander ins Gespräch kommen. Vielleicht aber auch daran, dass sie sich etwas zutrauen, Fragen stellen, Fehler machen dürfen und trotzdem weitermachen. Fröhlichkeit zeigt sich nicht nur in sichtbarer Ausgelassenheit, sondern auch in innerer Sicherheit und Zuversicht.

Darum gehört zur Persönlichkeitsbildung auch die Frage: Sind unsere Schülerinnen und Schüler tatsächlich fröhlich – und wenn nicht, warum? Was belastet sie? Wo fehlt ihnen etwas? Und was können wir als Schule dazu beitragen, dass sie wieder Vertrauen und Freude am Lernen und am gemeinsamen Leben entwickeln?

 

3. Gelebte Gemeinschaft – Wir sind Familie

Don Boscos Pädagogik war stark von der Überzeugung geprägt, dass junge Menschen Gemeinschaft brauchen. Eine Schule wird dann zu einem fröhlichen Ort, wenn Menschen sich zugehörig fühlen.

Das gilt für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitung und alle weiteren Mitarbeitenden. Eine lebendige Schulgemeinschaft entsteht dort, wo man einander kennt, füreinander einsteht, gemeinsam Erfolge feiert und auch schwierige Situationen miteinander trägt.

Deshalb lohnt sich die Frage: Was macht die Schulgemeinschaft froh? Welche Rituale, Begegnungen und gemeinsamen Erlebnisse schaffen Verbundenheit? Und wie gelingt es, dass Schule nicht nur ein Ort des Unterrichts, sondern ein Ort des Miteinanders wird?

 

4. Exzellente gymnasiale Ausbildung 

Fröhlichkeit und Leistung sind kein Gegensatz. Eine gute Schule darf hohe Ansprüche stellen und gleichzeitig ein Ort sein, an dem junge Menschen Freude am Lernen erfahren.

Exzellente gymnasiale Bildung bedeutet, Schülerinnen und Schüler fachlich und methodisch auf ihren weiteren Weg vorzubereiten. Gleichzeitig geht es darum, Neugier zu wecken und ihnen zu vermitteln, dass Lernen nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern eine Bereicherung sein kann.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Was müssen unsere Schülerinnen und Schüler wissen? Sondern auch: Was brauchen sie, damit sie ihren Weg mit Zuversicht, Verantwortungsbewusstsein und Freude gehen können?

5. Auseinandersetzung mit der Welt 

Eine fröhliche Schule ist keine Schule, die die schwierigen Seiten der Welt ausblendet. Im Gegenteil: Sie gibt jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen und ihren eigenen Standpunkt zu entwickeln.

Fröhlichkeit kann dabei eine Haltung der Zuversicht sein: die Fähigkeit, trotz Herausforderungen nicht den Mut zu verlieren. Don Boscos «Spatzen pfeifen lassen» kann in diesem Sinn auch bedeuten, sich nicht von jeder Schwierigkeit vereinnahmen zu lassen, sondern den Blick für das Gute, das Mögliche und das Gemeinsame zu bewahren.

Damit stellt sich auch an die Schulleitung eine persönliche Frage: Was macht mich als Rektor froh? Was macht meine Lehrerinnen und Lehrer froh? Und was kann ich selbst dazu beitragen, dass diese Freude im Schulalltag spürbar wird?

Denn eine fröhliche Schule beginnt nicht bei einem pädagogischen Programm, sondern bei den Menschen, die sie gestalten. Sie beginnt mit der eigenen Haltung. Was tun wir selbst, um positiv zu bleiben? Wie gehen wir mit Druck, Konflikten und Rückschlägen um? Und wie können wir trotz aller Herausforderungen eine Atmosphäre schaffen, in der Zuversicht, Humor und Menschlichkeit ihren Platz haben?

Vielleicht liegt genau darin die bleibende Aktualität Don Boscos: Fröhlichkeit ist kein oberflächliches «Gut-drauf-Sein», sondern eine pädagogische Haltung. Eine Schule ist dann fröhlich, wenn sie Menschen Orientierung gibt, Persönlichkeiten stärkt, Gemeinschaft lebt, Bildung ermöglicht und junge Menschen ermutigt, die Welt mit offenen Augen und Zuversicht zu gestalten.

 

*Prof. Dr. Sebastian Lamm ist seit dem Schuljahr 2021/2022 Rektor der Stiftsschule Einsiedeln.