Logo-Schulinfo

31.08.2026, Schwerpunkt

Was macht die Menschen in der Schule fröhlich?

Julia-Mori

Eine fröhliche Schule ist zu allen Zeiten möglich. Auch in der heutigen. Der Weg dorthin beginnt bei Dir und führt als Gemeinschaft ins Ziel.

Frau Mori*, was macht Menschen in der Schule wirklich fröhlich?

Um zu verstehen, was Menschen in der Schule fröhlich macht, lohnt sich aus Sicht der Forschung ein breiterer Blick auf das Wohlbefinden. Es wird besonders dort gestärkt, wo Menschen sich verbunden, kompetent und selbstbestimmt erleben und in ihrem Tun einen Sinn erkennen. Im Schulalltag zeigt sich das oft in kleinen Erfahrungen: gemeinsam lachen, etwas Schwieriges schaffen, mitgestalten dürfen oder im richtigen Moment von jemandem unterstützt werden.

Was bedeutet das für Schulen? Wohlbefinden sollte nicht als Zusatzprogramm verstanden, sondern im täglichen Miteinander und Lernen mitgedacht werden. Entscheidend ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich sicher, zugehörig und ernst genommen fühlen, Unterstützung erfahren und sich entwickeln können. Dabei muss Wohlbefinden nicht als ständige gute Stimmung sichtbar sein: Ein Kind kann angestrengt oder traurig sein und sich dennoch grundsätzlich wohlfühlen. Es geht um verlässliche Bedingungen, unter denen Menschen auch mit schwierigen Gefühlen nicht allein bleiben.
 

Welche drei Dinge können Lehrpersonen im Alltag tun, um das Wohlbefinden ihrer Schülerinnen und Schüler zu stärken?

Wenn ich es auf drei Dinge verdichten müsste, würde ich mit dem Wichtigsten beginnen: bei sich selbst. Dabei gilt das Prinzip der Sauerstoffmaske. Im Flugzeug setzt man sie zuerst sich selbst auf, bevor man einem Kind hilft. Sinngemäss gilt das auch in der Schule. Lehrpersonen sollten eigene Belastungszeichen ernst nehmen, Grenzen wahrnehmen und Unterstützung annehmen. Konkret kann das heissen, in einer angespannten Situation zuerst bewusst durchzuatmen, bevor man reagiert, und ein belastendes Problem früh mit einer vertrauten Person im Kollegium zu besprechen, statt es allein zu tragen. Selbstfürsorge darf dabei aber nicht als zusätzliche Aufgabe verstanden werden, die sie allein tragen müssen. Auch Schulen müssen dafür Zeit, Raum und Unterstützung schaffen. 

Zweitens braucht es verlässliche Beziehungen und einen sicheren Lernraum. Dazu gehört, Schüler:innen wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und Spannungen früh anzusprechen. Ebenso wichtig sind ein konstruktiver Umgang mit Fehlern und faires Handeln. Kinder sollten erleben: Ich darf etwas noch nicht können und werde trotzdem ernst genommen. 

Drittens sollten Lehrpersonen nicht vorschnell annehmen, dass sie wissen, was ihren Schüler:innen guttut. Es lohnt sich, regelmässig nachzufragen: Was hilft euch beim Lernen? Was belastet euch? Was sollten wir verändern? Unsere Forschung zeigt, dass dieselbe Übung nicht bei allen die gleiche Wirkung entfaltet. Entscheidend ist, ob sie zur Klasse passt und von den Schüler:innen als sinnvoll erlebt wird. Zuhören bedeutet dabei nicht, jeden Wunsch zu erfüllen, sondern ihre Perspektive wirklich ernst zu nehmen.

SI_2019_Evaluation-114

eee

Wie wichtig ist eine harmonische Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden für eine fröhliche Schule?

Die Beziehung ist zentral. Eine gute Beziehung bedeutet aber nicht, dass immer Harmonie herrscht oder eine Lehrperson von allen gemocht werden muss. Entscheidend ist, dass sich Schüler:innen gesehen, fair behandelt und auch dann respektiert fühlen, wenn sie Fehler machen oder Grenzen erfahren. Eine unserer Längsschnittstudien zeigt, dass Konflikte mit Lehrpersonen mit späteren körperlichen Beschwerden und sozialen Problemen der Schüler:innen zusammenhängen können. 

Gleichzeitig zeigen unsere Interviews mit Lehrpersonen, dass Konflikte und Nähe einander nicht ausschliessen. Eine tragfähige Beziehung erkennt man deshalb nicht daran, dass es nie schwierig wird, sondern daran, wie mit Schwierigkeiten umgegangen wird: ob zugehört, fair gehandelt und nach einem Konflikt wieder aufeinander zugegangen wird. Solche Beziehungen stärken nicht nur das Wohlbefinden der Lernenden. Sie können auch für Lehrpersonen eine wichtige Ressource sein. Eine fröhliche Schule entsteht deshalb wesentlich in der Qualität ihres täglichen Miteinanders.
 

Braucht erfolgreiches Lernen Fröhlichkeit oder ist das ein netter Zusatz?

Erfolgreiches Lernen ist nicht in jedem Moment von Fröhlichkeit begleitet. Es kann anstrengend sein, verunsichern und Frustration auslösen; auch das Ringen um eine Lösung gehört dazu. Wohlbefinden bedeutet nicht, solche Erfahrungen zu vermeiden. Es schafft vielmehr den Boden, auf dem Kinder und Jugendliche ihnen zuversichtlich begegnen und daran wachsen können.

In unserem (Link:) SNF-Projekt «Wohlbefinden in der Schule in der Schweiz» (WESIR) zeigte sich, dass Schüler:innen mit höherem Wohlbefinden meist engagierter sind und bessere Leistungen erzielen. Besonders die Freude in der Schule war mit dem Engagement verbunden, das wiederum für die Leistung wichtig ist. Die Beziehung verläuft aber nicht nur in eine Richtung: Erfolgserlebnisse können auch die Freude an der Schule, positive Einstellungen und das akademische Selbstkonzept stärken.

Lernen und Wohlbefinden stehen deshalb nicht in Konkurrenz. Schule muss nicht jede Aufgabe unterhaltsam machen. Sie sollte aber Bedingungen schaffen, unter denen Kinder und Jugendliche auch an schwierigen Aufgaben dranbleiben können, ohne Angst, Beschämung oder das Gefühl, allein zu sein. Eine Leistung, die dauerhaft auf Kosten des Wohlbefindens erzielt wird, ist für mich kein vollständiger Bildungserfolg.

SI_2019_Evaluation-60-Bearbeitet

eee

Welche Erkenntnis aus Ihrer Forschung zum Wohlbefinden in der Schule hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Am meisten überrascht hat mich, dass unser sorgfältig konzipiertes zehnwöchiges Wohlbefindenstraining nicht die erhoffte Wirkung zeigte. Es war, als hätten wir sorgfältig Samen ausgesät und dabei gelernt, dass nicht die Saat allein, sondern vor allem der Boden darüber entscheidet, was wachsen kann. Entscheidend war weniger die einzelne Übung als der soziale und motivationale Kontext: Positive Beziehungen und eine höhere intrinsische Motivation, am Training teilzunehmen, gingen mit höherem Wohlbefinden einher. Gleichzeitig kamen gerade einfache Übungen zu Anerkennung und Wertschätzung besonders gut an.

Dieses Ergebnis hat mir gezeigt: Wohlbefinden lässt sich nicht durch einzelne Übungen in einer Schule «installieren». Für eine nachhaltige Veränderung braucht es, bildlich gesprochen, ein ganzes Dorf – einen gesamtschulischen Ansatz. Eine tragende Gruppe aus Schulleitung, Lehrpersonen, Fachpersonen und der Schüler:innenschaft sollte das Thema gemeinsam verantworten und dafür sorgen, dass es im Unterricht, in den Beziehungen, in den Abläufen und in den Räumen der Schule verankert wird. Eine Projektwoche allein kann das nicht leisten. Wohlbefinden wächst dort, wo es Teil der Schulkultur und damit der DNA einer Schule wird.

Wann haben Sie zuletzt eine Schule erlebt, bei der Sie dachten: «Hier ist die Fröhlichkeit spürbar»? Was hat diese Schule besonders gemacht?

Vor Kurzem habe ich eine Schule besucht, bei der ich schon nach wenigen Minuten dachte: So ähnlich haben Schüler:innen und Lehrpersonen in unserem WESIR-Projekt ihre Traumschule beschrieben. Es gab viel Platz, Freiräume für selbstständiges Arbeiten und einen grosszügigen Aussenbereich mit viel Grün rund um das Schulhaus.

Besonders war aber nicht nur das Gebäude. Unter den Lehrpersonen erlebte ich eine freundliche und wertschätzende Kommunikation, den Schüler:innen begegneten sie mit Respekt und Vertrauen. In Erinnerung geblieben ist mir auch eine kleine Szene in der Mensa: Eine Mitarbeiterin sang bei der Arbeit, lachte und scherzte mit den Menschen in der Warteschlange. Die Fröhlichkeit wirkte nicht inszeniert, sondern gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag dieser Schule. Für mich wurde dort besonders spürbar, wie Wohlbefinden aus dem Zusammenspiel von Raum, Beziehungen und gelebter Schulkultur entsteht. 
 

*Prof. Dr. Julia Mori forscht und lehrt am Institut für Verhalten, sozio-​emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Von 2021 bis 2025 leitete sie an der Universität Bern das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Projekt «Wohlbefinden in der Schule in der Schweiz» (WESIR).