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02.12.2014, Balance

Adventskalender im Kindergarten Grünring — von Max Huwyler

Max Huwyler

Max Huwyler erinnert sich an eine Adventszeit voller Rituale, kleiner Gesten und grosser Bedeutung.

Im Kindergarten hatten wir keinen dieser ohdufröhlichkeitsfarbigen Adventskalender, an denen man von Tag zu Tag ein Türchen öffnen kann. 
Das gab's nicht im Kindergarten Grünring. Am ersten Adventstag stellte unsere Kindergärtnerin, die fromme Schwester Solina, eine hölzerne Krippe auf ein Tischchen.

Eine grosse Krippe, wie mir damals schien, viel grösser jedenfalls als das Krippchen, das wir jeweils zu Hause im Weihnachtsstall hatten. Die grosse Krippe stand leer, zwei x-​förmige Beinpaare, längsseitig zwei rohe Brettchen. Ein armes Möbelchen.
Es hatte kein Stroh in der Krippe. Eine zu harte Liege für das Kind, das da an Weihnachten hineingelegt werden sollte. Unsere Weihnachtszeit begann mit einer leeren Krippe.

Jeden Morgen, nach dem „Guten Tag, Schwester Solina" und einem kleinen Morgengebet, fragte sie: „Wer hat gestern ein Öpferchen gebracht?"
Wer ein Öpferchen gebracht hatte, der durfte einer Schachtel einen Strohhalm entnehmen und diesen in die Krippe legen. Je Öpferchen ein Hälmchen. Die Kinder bemühten sich, Öpferchen zu bringen um möglichst viele Hälmchen in die Krippe legen zu dürfen. Wir waren nicht immer so sicher, was nun als Öpferchen gelten würde, haben wohl auch ein Hälmchen gelegt, wenn wir ein bisschen daran zweifelten, ob unser Öpferchen denn auch eines war. Wir wussten auch nicht so recht, was denn ein Öpferchen ist.

Schwester Solina hat uns nicht erklärt, was denn als Öpferli gilt und was der Sinn war des Hälmchen-​in-die-Krippe-Legens. Wir freuten uns einfach am letzten Adventstag, dem Christkind ein weiches Strohlager bereitet zu haben. 
An diesem letzten Kindergartentag vor Weihnacht legte die fromme Schwester mütterlich ein Christkindchen in unsere Adventskrippe, die nun eine Weihnachtskrippe war.

Den Sinn dieses Rituals, das im Kindergarten Grünring einen ganzen Advent lang gedauert hatte, habe ich erst viel später verstanden, als das Öpferchen-​bringen aus der Mode gekommen war.

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